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IZOKUTHOBA – It will humble you                                                   Comrades Marathon 2016

von Sybille Krause

Es ist der 29.Mai 2016, nachts um 3 Uhr in Südafrika. Ich sitze im Bus, der mich nach Pietermaritzburg zum Start eines gewaltigen Laufspektakels bringt. Und ich denke zurück, wie alles begann.

Es war 2004, als ich mehr zufälligerweise als Zuschauer am Straßenrand beim Berlin-Marathon stand. Ich war wie gebannt, wie verzaubert: So etwas will ich auch einmal machen! Das kann ich auch!

Es sollten jedoch noch mehr als zwei Jahre vergehen bevor ich mit dem regelmäßigen Laufen anfing. In meinem 50. Lebensjahr lief ich dann aber meinen ersten Marathon; natürlich in Berlin. Es war ein gewaltiges Erlebnis; nur etwas getrübt durch die Feststellung meiner Mutter, die zu mir sagte: „Was? So lange hast Du gebraucht? Der Sieger kam doch schon nach zwei Stunden ins Ziel!“

Ja, ich bin nicht so schnell wie der Weltmeister, aber ich bin auch ehrgeizig, ausdauernd und zäh. So war es wohl ganz natürlich, dass ich bald bei den ganz langen Läufen landete. 70 Marathons und Ultramarathons sind es inzwischen. Unvergessen sind die herrlichen Läufe in den Alpen, die mir alles abverlangten. Etwas ganz Besonderes: mein 3-Tages-Lauf in den Rocky Mountains. Viele Läufe auch in Thüringen und im Harz; die Berge haben es mir angetan. Und einmal war ich auch in Biel. Nur ein einziges Mal musste ich ein Rennen aufgeben; beim Mauerweg-Lauf musste ich nach 124 km das Handtuch werfen.

Und nun also soll es der Comrades in Südafrika sein, der älteste Ultralauf der Welt, den ich bezwingen will. Knallhart ist dieser Lauf. Fast 90 km lang und jedes Jahr im Wechsel entweder 1740 Höhenmeter im Anstieg und 2400 Höhenmeter im Abstieg oder andersherum.

Was aber in jedem Jahr zu dramatischen Szenen führt, ist die Tatsache, dass genau nach zwölf Stunden die Ziellinie geschlossen wird. Und hier gilt die Regel „gun to gun“, d.h. dass die Uhr für jeden Läufer mit dem Startschuss tickt und nicht erst wenn er die Startlinie überläuft. Da ich im vorletzten Startblock stehe, werden schon etwa 8 Minuten vergangen sein, wenn ich die Startlinie überquere. Das ist bitter, denn wer auch nur eine Minute zu spät in Durban ankommt, muss durch den Seiteneingang ins Stadion schleichen und bekommt keine der heißbegehrten Medaillen. Bilder von Läufern, die versuchen mit letzter Kraft oder auf allen vieren die Ziellinie zu erreichen und Bilder, auf denen Läufer ihre Kameraden noch über die Ziellinie schleppen oder sich gegenseitig stützen, gehen jedes Jahr um die Welt und verfestigen die Legende vom Comrades (Kameraden). In Südafrika ist dieser Lauf ein riesiges Ereignis, fast schon ein Feiertag. Jeder der diesen Lauf finisht ist hier ein Held. Wer nicht an der Strecke stehen kann oder selbst läuft, schaut sich die Liveübertragung im Fernsehen an. In Deutschland unvorstellbar, dass ein Ultralauf 12 Stunden (!) live im Fernsehen übertragen wird.

Diese Begeisterung der Südafrikaner für diesen Lauf wird auch in dieser Email deutlich, die ich von dem Manager der Streckenbesichtigungstour, Brian Swart im Vorfeld erhalten habe:

“Comrades is a gathering of nations... a festival... a jamboree... and you will embrace the finest 18000 citizens of our country... the most wonderful people you will ever meet. You will never meet anyone, anywhere in the world, better that a Comrades runner. And when you enter the finish arena you will be a new person for the rest of your life.”

Jetzt stehe ich hier an der Startlinie und hoffe, dass ich nicht zu den Läufern gehöre, die ohne Medaille heimkehren. Dafür habe ich monatelang hart trainiert. Bin jeden Tag gelaufen, egal ob bei Regen, Schnee, Wind oder Sonnenschein. Manchmal nur zwei Kilometer, manchmal 50 km oder mehr. Seit Januar 1.450 km. Unzählige Male bin ich den Funkerberg hoch und hinunter gelaufen. Jeden Baum kenne ich inzwischen am Nottekanal.

Um mich herum ein Stimmengewirr von fast 17.000 Teilnehmern. Aus Lautsprechern tönt trotz der frühen Stunde laute Musik; unzählige Menschen stehen schon jetzt an der Straße oder auf Balkonen, oft noch barfuß und im Schlafanzug oder Bademantel. Dann ertönt die Nationalhymne, gefolgt von dem berühmten „Shosholoza“ und auch Vangelis mit seinem „Chariots of Fire“ fehlt nicht, um mir eine Gänsehaut über den Rücken zu jagen. Dann der berühmte Hahnenschrei von Max Trimborn (jetzt natürlich vom Band) und der Startschuss. Und dann…passiert erst einmal gar nichts. Nach endlos erscheinenden Minuten setzt sich mein Startblock ganz langsam in Bewegung. Nach genau 7:01 Minuten überquere ich die Startlinie. Vor mir ein endlos erscheinender Zug bunter Punkte, der sich hügelauf und hügelab wälzt.

Ich vertreibe mir die Zeit mit dem Anschauen der Startnummern vor mir. Jeder muss eine auf der Brust und dem Rücken tragen. Dort ist nicht nur der mitunter sehr exotisch klingende Name vermerkt, sondern auch, wie viele erfolgreiche Teilnahmen der Träger vorweisen kann. Ich überlege kurz, mich an einem Läufer mit einer grünen Nummer zu hängen, die besagt, dass der Läufer schon zehnmal oder mehr teilgenommen hat. Aber dann bleibe ich bei meinem Plan, mein eigenes Rennen zu laufen. Da es stets bergauf oder bergab geht, will ich nur alle 5 km die Zeit stoppen. Dann sollten dort so zwischen 35 und 37,5 Minuten auf der Uhr stehen, um mein ganz geheimes A-Ziel, eine Zeit unter 11 Stunden, zu erreichen.

Das von Klaus Neumann, dem deutschen Comrades-Botschafter, organisierte Team-Germany-Shirt sieht nicht nur toll aus, sondern fällt auch auf. Immer wieder erschallt mir ein „Welcome, Germany“, „Thank you for your coming, Germany“ oder „Enjoy, Germany“, später dann „Well done, Germany“ oder „Hi Germany, you look sooo good“ entgegen. Viele Läufer sprechen mich auch direkt an, fragen woher ich komme und wie mir Südafrika gefällt, geben mir Tipps und wünschen mir viel Glück für mein erstes Mal. Eine Läuferin drückt mich und sagt, ich bringe ihr Glück, weil ihre Mutter auch Sybille heißt. Einfach eine Wahnsinnsstimmung!

Im Nu erreiche ich Polly Shorts, den ersten der Big-5-Hügel, und hier werden wir dann mit einem wunderschönen Sonnenaufgang über den Bergen belohnt. Und weiter geht es bergauf, bergab…von Down-Run ist nicht wirklich viel zu spüren. Aber es läuft super bei mir. Genau wie ich es trainiert habe: bergauf im Wechsel Laufen und Gehen, bergab rollen lassen. Nach der Streckenbesichtigung gestern, wünschte ich, wir hätten diese bleiben lassen. Jetzt bin ich jedoch froh darüber. Vieles kommt mir bekannt vor, ich erinnere mich an die Hinweise, die uns die Veteranen zur Renneinteilung gegeben haben. Auf dem höchsten Punkt der Strecke, der Umlaas Road gönne ich mir eine kurze Eismassage. Das tut so gut, dass ich diesen tollen Service im Laufe des Tages noch etliche Male in Anspruch nehme. Inzwischen ist es sehr warm geworden, bis zu 25 °C. Schatten gibt es wenig. Ich bin froh, dass ich ein Tuch aufgesetzt habe. Zu Trinken gibt es genug. Etwa alle 1,8 Km kommt eine Verpflegungsstelle. Hier werden Wasser und bunte Energiedrinks, abgepackt in kleine Plastikbeutelchen, gereicht oder Cola in Bechern. Wie schon im Vorfeld befürchtet, stelle ich mich beim Aufreißen der Wassertütchen nicht besonders geschickt an und so manches Mal spritzt mir das Wasser ins Gesicht oder aufs Shirt oder auf die Schuhe. Zu essen gibt es Bananenstückchen, Apfelsinenspalten, Pellkartoffeln, Kekse, Schokolade. Später werden von den zahlreichen Zuschauern auch noch Chips, Nüsse, Süßigkeiten oder gar Würstchen angeboten. Ich bleibe bei Wasser und Cola, Pellkartoffeln und manchmal ein Stück Apfelsine. Ab und zu greife ich nach einigen abgepackten Keksen oder Schokoladenriegeln und lasse diese in erwartungsvoll hingehaltene Kinderhände fallen.

Bald ist die Ethembeni School erreicht. Ethembeni ist Zulu für "Ort der Hoffnung." Diese Schule ist die Heimat von 300 körperlich behinderte und / oder sehbehinderte Kinder. Auf unserer Bustour haben wir diese besucht und wurden von den Kindern mit einem tollen Kulturprogramm unterhalten. Dafür wurden sie dann von uns mit Süßigkeiten, Luftballons, Armbändern und Malheften belohnt und auch so manche Geldspende wanderte in den Spendentopf. Heute sitzen sie am Straßenrand und jubeln und feuern uns an. Ich klatsche unzählige Kinderhände ab und bekomme immer wieder zu hören: „I love you.“

Nächste markante Stelle ist Arthur`s Seat. Arthur Newton hat den Comrades einige Male gewonnen. An dieser Stelle hat er angeblich gerne ein Päuschen gemacht und seine Pfeife geraucht. Der Legende nach hat man einen guten Lauf in der zweiten Hälfte, wenn man ihn hier respektvoll mit „Good Morning Arthur“ begrüßt und eine Blume niederlegt. Vorsichtshalber habe ich das gestern schon getan, mache das heute aber noch einmal. Und es scheint geholfen zu haben, denn ich bin in der zweiten Hälfte sogar vier Minuten schneller als in der ersten Hälfte.

Nur wenige hundert Meter weiter folgt schon die Wall of Honour auf. Eine lange Steinwand im Hang, auf der Plaketten mit den Namen der jeweiligen Sieger geschraubt sind. Gestern habe ich die Plaketten von Birgit Lennartz, Maria Bak und Charly Doll den deutschen Comrades-Siegern gefunden. Heute laufe ich nur vorbei, da die Wand durch die vielen Zuschauer und Autos verdeckt ist.

Jetzt geht es in den 3. der Big Five, Botha´s Hill. Die Stimmung an und auf der Straße ist unbeschreiblich. Musikgruppen, Tanzformationen, Schulklassen in ihren Uniformen, viele Familien haben ihren Grill angeworfen. Ich klatsche immer wieder Hände ab, tanze mit den Cheerleadern.

Von den angebotenen Würstchen lasse ich aber lieber die Hände. Inzwischen hat mein Magen dicht gemacht. Ich kann das Wasser nicht mehr sehen, mag auch nichts mehr essen, die Grillfeuer erzeugen Übelkeit. Auch die Beine sind nicht mehr so ganz frisch. Längere Pausen gönne ich mir aber nicht. Ich denke an die Worte von Coach Perry: Don´t stop. You can and MUST walk, but NEVER stop.

Kurz bevor es dann aber endlich richtig heftig bergab geht, kann ich noch einen zweiten sub-11-Bus überholen. Der Pacemaker, hier Busfahrer genannt, hat die Aufgabe die Gruppe zu ihrer gewünschten Zielzeit zu führen. Das sieht dann so aus, dass ständig eine Art Sprechgesang wie man ihn aus amerikanischen Marines-Filmen kennt, vom Leader angestimmt wird, der dann aus 50 oder mehr Kehlen lautstark wiederholt wird. So machen sich alle gegenseitig Mut. Bei den Anstiegen wird laut bis Zehn zählend gegangen, dann werden zehn Schritte gelaufen. So fallen die Anstiege leichter.

Beim Bergablaufen denke ich an die mahnenden Worte der Veteranen und laufe verhaltener als sonst das steile Gefälle hinunter. Viele müssen hier schon gehen. Auch ich sehne mich nach einigen Kilometern bergab nach einer Bergauf-Passage, bei der ich wieder ein paar Schritte gehen kann. So wechsle ich nun ständig zwischen Laufen und Gehen. Endlich, das Schild zeigt noch 11 km to go, liegt mir Durban zu Füßen. Ein Wahnsinnspanorama! Ganz im Hintergrund das neue Stadion, das zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 gebaut wurde, die großen Hotels, das Meer. Und ich habe noch fast 2 ½ Stunden Zeit bis zum Zielschluss, 1 ½ bis zu meinem persönlichen Ziel. Das dürfte zu schaffen sein, aber nun fangen meine Oberschenkel und Waden an zu krampfen. Ich nutze jede Möglichkeit für eine kurze Massage. Das hilft wieder ein bis zwei Kilometer weiter. Später schreibt mir ein Unbekannter auf Facebook: „….saw you on the road many times …you run like a machine...“

Nun geht es durch die Innenstadt. Über die komplett für uns Läufer gesperrte 4spurige Stadtautobahn. Unter eine Bogenbrücke hindurch, vorbei am Bahnhof mit seinen riesigen Markthallen. Vorbei an der Hauptgeschäftsstraße im Stadtzentrum. Die Zuschauer stehen immer dichter gedrängt. Sie toben und jubeln uns zu und peitschen uns vorwärts. „Welcome guys!“ Ein wahrer Hexenkessel! Dann geht es mit einem Mal sehr schnell, vorbei geht es an der Messe, auf der wir die Startunterlagen abgeholt haben, daneben das riesige Hilton-Hotel, das Stadion kommt in Sicht. Noch eine Runde über den Rasen im Stadion und dann bin ich im Ziel, Tränen laufen mir herunter.

10:46:03 Stunden meine offizielle Brutto-Zeit. Ich habe es geschafft, sogar besser als erhofft. Ich kann es noch gar nicht fassen, ich trage eine Bronzemedaille nach Hause.

Eine Freundin aus Amerika schreibt mir: „You trained hard and now you get to celebrate. What a great way to finish.“


Von 16.808 Startern erreichen 14.603 das Ziel im Limit. Ich habe Platz 7.834 in der Gesamtwertung, Platz 1.225 von 3.559 Frauen und in der AK-Wertung belege ich den Platz 137 von 514 Startern.

Sybille K.